„Bei einer Person, die in Lebensgefahr schwebt, besteht die erste Aufgabe der Sanitäter darin, das Herz wieder zum Schlagen zu bringen.
Leanne Hinton
Bei einer vom Aussterben bedrohten Sprache besteht die erste Aufgabe darin, die Muttersprachler dazu zu bringen, sie wieder zu sprechen.“
Mit diesem Zitat von Leanne Hinton beginnt Stefan Semmelmann seine Studie im jüngsten Heft des „Europäischen Journals für Minderheitenfragen“. Darin geht der wissenschaftliche Mitarbeiter am Lehrstuhl für Deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Regensburg der Frage nach, welche historische und aktuelle Maßnahmen zur Erhaltung der Sprache in den drei historischen deutschen Sprachinseln Zahre (Sauris), Plodn (Sappada) und Tischlbong (Timau) in der Region Friaul-Julisch Venetien aus Sicht der Sprachstatusplanung festzustellen sind.
1866: Italienisch hält Einzug in Ämtern, Schulen und Kirchen
Eine entscheidende Rolle kam in allen drei Sprachinseln der Wechsel der staatlichen Zugehörigkeit von Österreich zu Italien im Jahr 1866 zu, denn dadurch hielt das Italienische in Ämtern, Schulen und Kirchen Einzug. Der spärliche Unterricht in deutscher Sprache unterblieb spätestens mit Mussolinis Amtsantritt. Die von Semmelmann als „alpindeutsch“ bezeichneten Minderheitensprachen blieben auf die Familie oder den Bekanntenkreis begrenzt, allerdings hielt bald auch dort das Italienische und das Friaulische Einzug.
Zusätzlich wurden ab den 1960er Jahren die Minderheitensprachen stigmatisiert und der Gebrauch etwa unter Schülern untersagt. Der Bevölkerungsrückgang bewirkte das seine. Der Grad der Gefährdung der drei Minderheitensprachen wird mit Stufe 2 auf der sechsstufigen Unesco-Skala angegeben, also als „stark gefährdet“.
Semmelmann schildert Versuche im dritten und im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts, den Sprachverfall aufzuhalten, etwa durch die Gründung von Kulturvereinen und Museen und der Herausgabe von Zeitschriften. Auch die Veränderungen der gesetzlichen Lage bei der Förderung von Minderheiten werden in seinem Aufsatz detailliert dargelegt. Neben dem Verein der Sprachinselfreunde Wien wird auch das Sprachinselkomitee in seiner Tätigkeit erwähnt.
Kulturvereine, Museen und Zeitschriften
Zahrar Sproche mit dem Italienischen gleichgestellt
Semmelmann stellt fest, dass in Plodn und in der Zahre die jeweilige Minderheitensprache deutlich sichtbarer sei als in Tischlbong. Die Zahre hat 2016 ihre Sprache sogar per Gemeinderatsbeschluss mit dem Italienischen gleichgestellt. Zweisprachige Bezeichnungen auf dem Gemeindehaus findet man aber inzwischen in allen drei Orten. Informationsschilder sind in der Regel dreisprachig, aber unterschiedlich in der Auswahl der Sprachen.
Semmelmann beleuchtet die Präsenz der jeweiligen Minderheitensprache in der digitalen Welt, aber auch in der analogen. Dort sind Wörterbücher, Grammatiken und Lexika die wichtigsten Pfeiler zur Sprachförderung, es gibt aber auch eine ganze Menge literarischer Erzeugnisse.
Der Wissenschaftler zeichnet die Versuche nach, das Standarddeutsche als Brücke zur Minderheitensprache in den Schulen zu unterrichten, und stellt das achtjährige Pilotprojekt vor, bei dem ab Schulbeginn im Herbst Standarddeutsch im Kindergarten spielerisch als Verkehrssprache eingeführt wird, die Grundschule ist dann bilingual konzipiert, während in der Sekundarstufe I der CLIL-Ansatz mit Deutsch als Unterrichtsprache in Fächern eingesetzt wird.
Auch die Versuche zum Einbringen der Minderheitensprachen in den Unterricht werden in Semmelmanns Studie erläutert. Überall hängt diese Tätigkeit von einzelnen Personen ab.
Ein großes Problem stellt in allen drei Orten der starke Rückgang der Kinderzahl dar, der auch zur Schließung von Kindergärten führt, in denen die Minderheitensprache benutzt wurde (etwa in der Zahre). Sprachkurse finden in unterschiedlichem Ausmaß und in einem unterschiedlichen Maß an Kontinuität statt.
Achtjähriges Pilotprojekt für Deutsch in den Schulen
„Es gibt nur wenige erfolgreiche Maßnahmen, die die Minderheitensprachen noch heute primär als Kommunikationsmittel fördern“, stellt Semmelmann fest. Es gibt in keinem der drei Orte „dauerhafte ‚Rückzugsorte‛, in denen die Minderheitensprachen bevorzugt oder ausschließlich in ihrer kommunikativen Funktion verwendet werden“, fährt er fort.
Der Sprachwechsel ist kaum mehr aufzuhalten
Der Sprachwechsel sei kaum mehr umkehrbar, konstatiert Semmelmann. „Ziel ist daher weniger eine vollständige Revitalisierung im Sinne der Wiederherstellung der früheren Sprachverhältnisse als vielmehr der Erhalt einer kleinen, aber lebendigen sprachlichen Quelle – trotz sprachsystematischer Erosionserscheinungen und der fortschreitenden Minorisierung kommunikativer Kontexte.“
Stefan Semmelmann, „Spracherhalt als Statusfrage. Sprachplanungsmaßnahmen alpindeutscher Minderheiten in Friaul-Julisch Venetien zwischen symbolischer Repräsentation und Transmission“, in: Europäisches Journal für Minderheitenfragen 19, 2026/1–2, Seite 93–135.

Dreisprachiges Schild in Plodn (Sappada), auf dem die Entstehung des Dorfes aus einer Vielzahl von Weilern auf Italienische, Deutsch und Englisch erläutert wird. Einzelne Begriffe werden um die entsprechenden Ausdrücke in der plodarischen Sprache erläutert.