Die deutschen Sprachinseln im Aufblühen

Le Isole linguistiche germaniche fioriscono

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© by Einheitskomitee der historischen deutschen Sprachinseln in Italien

Übersetzung: Traduzioni STR, Trient
Umschlaggestaltung: Heike Arnold

Design & Layout: Athesia Druck, Bozen
Druck: Athesia Druck, Bozen

ISBN 978-88-88197-23-4

In Zusammenarbeit mit dem Dokumentationzentrum Lusérn onlus

38040 Lusérn, TN · info@lusern.it · www.lusern.it

Vorwort

Das Einheitskomitee der historischen deutschen Sprachinseln in Italien feiert sein 20-jähriges Bestehen. Diese Jubiläumsschrift soll zum einen an seinen Gründungsgeist erinnern, und zum andern die Geschehnisse beleuchten, die zu dem Bewusstsein geführt haben, dass unsere Sprachinseln nicht nur eine Existenzberechtigung haben, sondern auch ein Recht auf die Verteidigung ihrer Ursprünge und einer sprachlichen Diversität, die ein wertvolles Erbe darstellt.
     Das Komitee wurde mit der Zielsetzung gegründet, die kleinen Sprachinseln Italiens miteinander in Kontakt zu bringen, um damit einen Erfahrungsaustausch einzuleiten und, durch die Einheit gestärkt, gemeinschaftliche Lösungen für die Schwierigkeiten zu suchen und geltend zu machen, die zwar alle Bergregionen plagen, für die besondere Realität der kleinen Sprachinseln aber umso schwerwiegender sind.
     Sicherlich haben internationale Übereinkommen, die Verfassungscharta oder die Gesetzgebung dem Wunsch nach einem
Zusammenschluss Impulse verliehen, aber fundamental und prägend für die Tätigkeit des Komitees war das starke Identitätsgefühl, das seine verschiedenen Mitgliederseelen vereint, und in Form von verlegerischen Projekten und verschiedenartigen Interventionen bei einschlägigen inländischen und ausländischen Institutionen eine konkrete Umsetzung erfahren hat.
     Die Schrift besteht aus einem ersten Teil, in dem die Gründer die Entstehung des Komitees erläutern und auf seine Aktivität, die von ihm herausgegebenen Veröffentlichungen und die verschiedenen durchgeführten Maßnahmen eingehen.
     Ein linguistischer Überblick zu den deutschen Sprachinseln und ihren Herkunftsfamilien führt dann in den Teil ein, der
den einzelnen Sprachgemeinschaften und deren Geschichte, Sprache, Bauweise und besonderen Merkmalen gewidmet ist.
     Auch wenn die verschiedenen Mundarten zur gleichen Sprachfamilie gehören, haben die Herkunft der Urbevölkerung der einzelnen Sprachinseln, die geografische Lage, der Kontakt mit den dominanten Sprachen bzw. andererseits die Isolation gegenüber der Außenwelt ihre Entwicklung beeinflusst und die Unterschiede geprägt. Um dies zu belegen, wird im letzten Teil des Buches ein Märchen der Gebrüder Grimm von jeder einzelnen Gemeinschaft in die eigene Sprachvariante übersetzt.
     Wenn man davon ausgeht, dass jeder Weg und jeder Prozess, sofern er Erkenntnisse mit sich bringt, eine Verbesserung bewirkt, wird diese Publikation hoffentlich dazu beitragen, verstärkte Aufmerksamkeit zu erregen und Impulse nicht nur kultureller Art zu setzen zugunsten des großen Reichtums, den die sprachliche Vielfalt darstellt und die durchaus auch als „europäisches Erbe“ gelten darf.
     Abschließend möchte ich allen, die diese Publikation möglich gemacht haben, meinen persönlichen Dank aussprechen, ebenso wie den einzelnen Gemeinschaften für ihre wertvolle Mitarbeit.

Anna Maria Trenti Kaufman
Koordinatorin des Einheitskomitees
der historischen deutschen Sprachinseln
in Italien 

Rezensionen

„Sprachinselkomitee 2001-2021: Die deutschen Sprachinseln im Aufblühen

Rezension von Christian Ferstl, 1. Vorsitzender der Johann-Andreas-Schmeller-Gesellschaft

Anlässlich des „Europäischen Jahres der Sprachen“ trafen sich 2001 in Neumarkt im Südtiroler Unterland Vertreter mehrerer deutscher Sprachinseln, die allesamt in Oberitalien angesiedelt sind. Bei dieser Zusammenkunft wurde der Grundstein gelegt zur Gründung des „Einheitskomitees der historischen deutschen Sprachinseln in Italien“.

Nach gut zwanzig Jahren hielt es das Komitee für angebracht, Rückschau zu halten auf die eigene Tätigkeit. So hat es einen Jubiläumsband herausgegeben und die zwei Jahrzehnte mit „Aufblühen“ charakterisiert.

Im Vorwort von Anna Maria Trenti Kaufman ist nachzulesen, dass das Sprachinselkomitee mit der Zielsetzung gegründet worden sei, „die kleinen Sprachinseln Italiens miteinander in Kontakt zu bringen, um damit einen Erfahrungsaustauch einzuleiten und, durch die Einheit gestärkt, gemeinschaftliche Lösungen für die Schwierigkeiten zu suchen und geltend zu machen, die zwar alle Bergregionen plagen, für die besondere Realität der kleinen Sprachinseln aber umso schwerwiegender sind“ (S. 5). Der Rezensent, der bei dem historischen Treffen in Neumarkt selbst anwesend war, erinnert sich noch gut an seine anfängliche Enttäuschung, miterleben zu müssen, wie schwer es zunächst war, tatsächlich eine Kommunikation zwischen den Vertretern der einzelnen Sprachinseln herzustellen. Die Anwesenden versuchten es zu Beginn mit der deutschen Sprache, mussten aber bereits nach etwa einer halben Stunde feststellen, dass sie mit Italienisch besser vorankamen. War etwa das Deutsche in den Sprachinseln bereits damals schon zu sehr „verblüht“?

Keineswegs, es war lediglich nicht als Metasprache geeignet, weil die Teilnehmer, d. h. „die Walser, die Zimbern, Menschen aus Karnien und aus dem Kanaltal sowie aus dem nahen Fersental“ (S. 16), nicht über ausreichende Kenntnisse des Standarddeutschen verfügten. Und so konnte schließlich tags darauf Gianni Molinari von den Zimbern aus den Dreizehn Gemeinden das Tagungsergebnis mit seinem mittlerweile legendären Ausspruch folgendermaßen zusammenfassen: „An die Arbeit für einen Neustart! Tzimbar lentak! [= Das Zimbrische lebt!]“ (S. 16). Allein diese Episode zeigt, dass die Herausgeber die Bezeichnung „Aufblühen“ im Titel völlig zu Recht gewählt haben.

In einem einführenden Kapitel beschreibt Luis Thomas Prader, der langjährige Sekretär des Einheitskomitees, die „Mühsal des Aufstiegs“. Zu Beginn werden hier Ereignisse, „die dem Sprachinseldasein neuen Schwung vermittelten“ (S. 11), in einen Bezugsrahmen gestellt, der immer enger und persönlicher wird – angefangen von „weltweit“ über „europaweit“ bis hin zu „in Italien“ und schließlich „vor Ort“. Darin eingebettet ist gewissermaßen eine Chronik der Geschichte des Einheitskomitees und seiner Gemeinschaften. Auf die beachtliche Anzahl von Publikationen wird ebenso hingewiesen, die von Schriften für Kinder über Berichte aus den Sprachinseln und Informationsmaterial bis hin zu Werken mit wissenschaftlichem Anspruch reicht. Auch ein Überblick über die Öffentlichkeitsarbeit des Einheitskomitees darf hier nicht fehlen. In einem kurzen Ausblick betont Prader abschließend die Notwendigkeit, den Sprachinseln weiterhin auch von außen beizustehen.

Die eigentliche Einleitung von Inge Geyer, Marco Angster und Marcella Benedetti beginnt mit einer Definition des Sprachinselbegriffs und geht dann auf die Entstehung mittelalterlicher deutscher Sprachinseln in Italien ein. Den Schluss dieses Kapitels bildet ein Blick auf die gegenwärtigen Situationen in diesen Sprachinseln, die vor allem durch Entwicklungen des 20. Jahrhunderts geprägt sind. Die Autoren belassen es hierbei nicht nur bei einer Beschreibung der Ist-Zustände, sondern richten ihren Blick nach vorne: Ihnen zufolge ist der kulturelle Reichtum einer Gemeinschaft „prägend für ihre Identität und versetzt sie in die Lage, ihre Zukunft zu planen und sich den neuen Herausforderungen einer globalisierten Welt zu stellen, die insbesondere nach der Pandemie neue, zukunftsweisende Lösungen finden muss“ (S. 34).

Im Hauptteil werden nun die Sprachinseln, die im Lauf der Zeit Aufnahme ins Einheitskomitee gefunden haben, systematisch vorgestellt. Den Anfang machen acht Walsergemeinschaften, darauf folgen das Fersental und vier zimbrische Gebiete, den Abschluss bilden vier Sprachinseln in Friaul. Die Beschreibungen dieser Sprachgemeinschaften sind grundsätzlich nach demselben Schema aufgebaut: Zunächst wird in der Regel auf die Geschichte der jeweiligen Sprachinsel eingegangen, dann wird deren Sprache selbst untersucht, weitere häufig wiederkehrende Abschnitte sind Bauweise – also ein über das rein Sprachliche weit hinausreichender Aspekt – und Besonderheiten. Am Schluss werden jeweils Kontaktadressen angegeben. Somit werden dem Leser einheitliche Vergleichskriterien zur Verfügung gestellt, was gleichermaßen informativ wie nützlich ist und eine schnelle Orientierung ermöglicht.

Einen noch intensiveren und zugleich originellen Vergleich freilich bietet das Schlusskapitel: Hier wird das Grimm-Märchen „Die Wichtelmänner“ neben einer deutschen und italienischen Fassung in der jeweiligen Façon der Sprachinseln wiedergegeben: Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Wortschatz, Ausdruck und Grammatik werden hier auf engstem Raum sichtbar und gewähren so einen ersten Einblick in die durch die Sprache zutage tretende Mentalität der jeweiligen Gemeinschaft. Noch wichtiger dürfte jedoch die Botschaft sein, die durch dieses Kapitel ausgesendet wird: Alle im Buch vorgestellten Sprachinseln sind noch lebendig! Und genau dies war – und damit schließt sich der Kreis – schließlich der entscheidende qualitative Impuls für die Gründung des Einheitskomitees.

Wenn man aufmerksam in das Buch hineinliest, merkt man, dass die Zahl der Sprachinseln, die Mitglied im Einheitskomitee sind, seit der Gründung deutlich zugenommen hat. Auch quantitativ hat also das Einheitskomitee zugelegt, und noch immer muss das Ende dieser erfreulichen Entwicklung nicht erreicht sein, wie etwa die dem Rezensenten bekannten derzeitigen Beitrittsbestrebungen der Zimbern in den Laimbachtälern zeigen.

Dem oben erwähnten Zitat von Gianni Molinari ging im Übrigen ein Satz voraus, der hier nicht verschwiegen werden soll: „Wenn wir schon sterben müssen, dann lieber später als früher“ (S. 16). Nicht zuletzt mit vorliegendem Jubiläumsband hat das Einheitskomitee dieses „Später“ zunehmend realistisch werden lassen. Vielmehr gilt ja sogar: Wer von „später“ spricht, spricht von der Zukunft. Den Weg der Sprachinseln in diese weist diese wertvolle und lesenswerte Publikation allemal.

Tirschenreuth, im Juni 2023

Credits

Die Herausgabe dieser Publikation wurde durch die Finanzierung der Autonomen Region Trentino-Südtirol ermöglicht.

Regione Autonoma Trentino-Alto Adige