DIE GESCHICHTE VON PLODN-SAPPADA
Der Ursprung von Sappada-Plodn liegt Jahrhunderte zurück. Er fällt in eine Zeit, aus der keine Urkunden erhalten sind, weshalb eine genaue Rekonstruierung und Datierung des Prozesses, der zur ersten Besiedlung führte, nicht möglich ist.
Der sagenhafte Charakter der mündlichen Überlieferung ist nachgewiesen, laut welcher eine Gruppe von Familien um das 10. Jh. wegen der Unterdrückung durch die Heimfels aus Villgraten bei Sillian flohen.
Historische Forschungen haben auch gezeigt, dass es die Urkunde von 1078, die von mehreren Historikern des 19. und 20. Jh. erwähnt und für verloren angesehen wurde und die noch heute in vielen Veröffentlichungen touristischer und populärwissenschaftlicher Art als »erste Urkunde« von Sappada-Plodn erwähnt wird, nie gegeben hat. Sie ist auf ein historiographisches Missverständnis zurückzuführen, das bei der Weitergabe von Informationen zwischen J. Bergmann und G. Ciani hinsichtlich der Belehnung der Patriarchen von Aquileia mit dem betroffenen Gebiet entstanden ist – ein Irrtum, der dann durch G. Fabbiani gefestigt wurde.
Aus weiteren Urkunden von 1308 und 1318, die von der Adelsfamilie Camin ausgestellt wurden (der die Gebiete des Cadore als Unterlehen gehörten), erfahren wir von der Beilegung von Streitfällen, die sich aufgrund von Belästigungen und Schikanen kleiner angrenzender Herrscher ergeben hatten. In einer Urkunde von 1334 wird zum ersten Mal das Eisenbergwerk von Sappada-Plodn erwähnt, um dessen Ausbeutung einige Bewohner von Caprile ansuchten, wozu sie sich an den Patriarchen Bertrand von St.Genesius wandten.
Im Jahr 1347 spricht der Patriarch Bertrand nach Wiederinbesitznahme des Cadore, das Ludwig der Brandenburger vorübergehend an sich gerissen hatte, der Bevölkerung von Sappada-Plodn den Wald der Digola zu, damals Bosco nero genannt (»unser Wald, der sogenannte ‘Schwarze Wald’, auf dem Berg von Palidola im Becken von Plodn«). Die Urkunde besagt, dass Sappada-Plodn von der Vogtschaft Carnias abhängig war: Unter dieser Landesjurisdiktion sollte es auch unter venetischer, napoleonischer und österreichischer Herrschaft bleiben – bis zur Angliederung an die Provinz Belluno im Jahr 1842.
Im Jahr 1373 erhielt die Bevölkerung von Sappada-Plodn das Nutzungsrecht eines Teiles des Waldes auf der Westseite der Terze, Eigentum der Gemeinde Lorenzago. Von der Erneuerung dieser Konzession zeugen Urkunden von 1388 und 1403.
Nach dem Fall des Patriarchenstaates gehörte Sappada-Plodn weiterhin der Vogtschaft von Carnia an, die 1420 gemeinsam mit allen Ländereien des Patriarchen, der Republik Venedig einverleibt wurde. Im Jahr 1431 wurde die Mutterkirche von Gorto in dominierender Lage bei der Siedlung Cella (Ovaro) neu errichtet. Zwei Inschriften in der Kirche erinnern an die Dedikation und den Titel Mutterkirche des gesamten Canale (von Gorto), von Sappada und Cercivento: ein wichtiger Beweis für die Abhängigkeit von Sappada-Plodn von dieser sehr alten Pfarrkirche, die zu seiner spirituellen Unterstützung ausersehen war.
In dieser Zeit wird erstmals auch ein Geistlicher erwähnt: Im Jahr 1440 wirkt und wohnt ein gewisser Giovanni, Pfarrer und Mönch von Alemannien, in Sappada-Plodn. Ihm folgen weitere Geistliche, die mit der Zeit ständig hier leben, bis der Ort 1630 mit dem bodenständigen Priester Osvaldo Cottrer (1628–1642) den offiziellen Titel der Kuratie und 1791 die Rechtssatzung einer Pfarre erhält.
Nach der Invasion der Truppen Maximilians und der Cadore-Schlacht von 1508 wird Sappada-Plodn in die Errichtung von Militärstationen in Acquatona und in Visdende involviert, bleibt aber von den nachfolgenden dramatischen Geschehnissen unberührt. Das ist sowohl auf die isolierte Stellung gegenüber den direkt betroffenen Gebieten zurückzuführen, als auch darauf, dass die venezianischen Truppen leichter begehbare Durchzugsstrecken zwischen Friaul und Cadore wählten, wie etwa den Mauria-Pass oder die Lavardet-Scharte.
Im 16. Jh. nahmen unter venezianischer Herrschaft die Ausfuhr von Holz und der Handel damit beträchtlich zu, was auch das Gebiet von Sappada-Plodn und die Wälder des Val Sesis betraf. Die Ausbeutung des Waldes führte jedoch zu einer Reihe von Streitfällen mit der Gemeinde Lorenzago hinsichtlich der Nutzung des Digola-Waldes, wie ab 1515 urkundlich belegt ist. Einzelne Episoden arteten dabei in offene Feindseligkeiten aus, wie auch noch 1580 mit Centenaro del Comelico inferiore und erneut mit Lorenzago. Im Jahr 1662 befreite die Zahlung der beträchtlichen Summe von 816 Dukaten, die Pietro Solero im Namen der gesamten Gemeinschaft leistete, Sappada-Plodn endgültig von der jährlichen Entrichtung der Steuern an die Vogtschaft Carnias.
Im Jahr 1732 kam zur Kirche S. Margherita, die seit unbestimmter Zeit bestand, jedenfalls aber seit 1295 belegt war, die Kirche Sant’Osvaldo in Cima Sappada hinzu, deren Name an den der Pfarrkirche von Sauris-Zahre erinnert. Die Kirche S. Margherita wurde 1776–1779 neu gebaut und erweitert.
In dieser Zeit plante Venedig den Ausbau der Verbindungsstraße zwischen Tirol und Friaul, unter Nutzung des Durchzugsweges durch das Val Degano und Sappada-Plodn. Die Anlegung erfolgt schließlich in den Jahren 1762–63 mit systematischen Sanierungs- und Stützbauten zwecks leichterer Befahrbarkeit der Straße, die von Udine ins Pustertal, über den Canal di Gorto, Sappada-Plodn und Kreuzbergpass führt, wovon die Inschrift eines Säulenstumpfes bei Acquatona zeugt.
Fast ein Jahrhundert lang unterlag Sappada-Plodn, gemeinsam mit dem Cadore und Carnia, der wechselnden französischen und österreichischen Herrschaft, vom Fall der Serenissima 1797 bis 1814– Ende des Königreichs und Entstehung von Lombardo-Veneto – und bis zur Vereinigung mit dem Königreich Italien im Jahr 1866. Der Ort bleibt in dieser Geschichtsperiode bis zum 28. März 1852, als er aus der Provinz Udine gelöst und der Provinz Belluno angeschlossen wird, mit Carnia verbunden, während er in Bezug auf die Kirchenjurisdiktion der Diözese Udine, der Nachfolgerin des aufgelösten Patriarchats von Aquileia, bis heute angehört.
In dieser bewegten Zeit findet im Jahr 1804 die erste Pilgerfahrt zum Heiligtum Maria Luggau im Gailtal statt, die auf ein Gelübde zum Schutz vor Viehseuchen zurückzuführen ist. Damit wird eine Tradition eingeleitet, die sich – wenngleich mit langen Unterbrechungen in Kriegszeiten oder wegen Schwierigkeiten politischer Art – bis heute erhalten hat.
Zu erwähnen ist auch, dass zu Beginn des 19. Jh., als die Bevölkerung von Sappada-Plodn zum erstenmal über tausend Einwohner zählte, in Cadore der Erdäpfelanbau eingeführt wurde, der sich schon bald bis zum oberen Piavetal erstreckte und rasch zu einem Grundsektor der lokalen Ernährung wurde.
Unter der österreichischen Herrschaft wurde 1823 die Volksschule in Sappada-Plodn, im Ortsteil Mühlbach errichtet (eine getrennte Sektion sollte 1849 entstehen).
Die Zeit war aber auch gekennzeichnet durch die Vertiefung eines alten Streites, der noch von den komplexen Gesellschaftsschichten herrührte, aus denen sich im Laufe der Jahrhunderte die Gemeinschaft Sappada-Plodn entwickelt hatte. Der Streit loderte aufgrund eines Rekurses vom 19. September 1826 gegen die unrechtmäßige Nutzung eines Teiles der Digola neu auf. Er zog sich unentschieden hin bis zu dem Abkommen, das am 11. Oktober 1848 durch das Bezirkskommissariat von Rigolato ratifiziert wurde: Die Digola wurde in drei Lose aufgeteilt.
In demselben Jahr war Sappada-Plodn zum Teil von den aufständischen Bewegungen betroffen, die Italien ergriffen und das Cadore erreicht hatten: Die Verschwörung von rund vierzig Einwohnern von Sappada-Plodn, die den Durchzug der österreichischen Truppen zum aufständischen Cadore verhindern wollten, wurde – durch die Gefangennahme der Rebellen und ihres Anführers, Pietro Solero – im Keim erstickt.
Zu Ende des 19. Jh. und zu Beginn des 20. Jh. stellten sich die ersten alpinistischen Erfolge ein, mit denen das Aufblühen des Fremdenverkehrs verbunden war. In Sappada-Plodn entstanden die ersten Hotels. Allmählich wuchs das Interesse an der Bergwelt von Sappada. Carl Diener veröffentlichte 1890 im Rahmen der namhaften »Zeitschrift des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins« eine ausführliche Beschreibung der von ihm als »Sappada-Gruppe«1 bezeichneten Berggruppe.
In den ersten dreißig Jahren des 20. Jh. wurde Sappada von zwei Bränden heimgesucht, die 1908 den Ortsteil Bach und 1928 den Ortsteil Granvilla (Dorf) völlig zerstörten. Etwa zur selben Zeit erhielt die Ortschaft den Stromanschluss und eine erste Wasserleitung (1911).
Vom Ersten Weltkrieg war Sappada-Plodn wegen der nahen Grenze, die ständig von den Alpini gehalten wurde, direkt betroffen. An den Nachschublieferungen beteiligte sich die gesamte Bevölkerung von Ende Mai 1915 – in den drei folgenden Monaten, wegen der Frontbildung auf dem heiß umkämpften Monte Peralba mit heldenhaften Aktionen – bis Ende Oktober 1917.
In der Erinnerung ist noch die Opferbereitschaft wach, mit der die Zivilbevölkerung von Sappada-Plodn für den Nachschub der Alpini sorgte. Auch Frauen, Junge und Alte wirkten mit, sie zogen im Frühjahr 1916 sogar zwei 14,9-cm-Kanonen mit bloßer Körperkraft bis zu den Laghi d’Olbe.
Nach der Niederlage von Caporetto wurde die Front überstürzt aufgegeben und die Bevölkerung von Sappada-Plodn zum Großteil evakuiert. Über 800 Flüchtlinge aus Sappada sammelten sich in Arezzo (Toskana), wo provisorisch das Gemeindeamt von Sappada eingerichtet wurde. Von hier konnte die Bevölkerung am 22. März 1919 wieder in ihr Tal zurückkehren.
Ab 1922 wurde die neue Straße durch die westlichen Ortsteile gebaut, 1930 wurde sie zum östlichen Teil des Ortes hin verlängert. Der charakteristische parallele Verlauf der beiden Trassen kennzeichnete fortan das Straßennetz und wirkte sich auch auf die Verteilung der Besiedlung aus.
In den Zwanziger- und Dreißigerjahren erlebten der Fremdenverkehr im Cadore und die Bergbesteigungen einen Wiederaufschwung (damit verbunden ist die Eröffnung der Schutzhütte Fratelli De Gasperi 1925 und der Schutzhütte Pier Fortunato Calvi 1926). Diese Entwicklung gipfelte 1929 in einem wichtigen Ministerialdekret, das Sappada-Plodn zu einem Kur- und Fremdenverkehrsort erklärte (der in der Provinz nur von Belluno und Cortina d’Ampezzo übertroffen wurde), und in einem blühenden Wintertourismus in den Dreißigerjahren.
Durch den Zweiten Weltkrieg wurde dieser Aufschwung wieder unterbrochen, in dem Sappada-Plodn erneut zum tragischen Schauplatz von Ereignissen im Zusammenhang mit der Rekrutierung der Bevölkerung und den Gräueln des Partisanenkrieges wurde. Hier glaubten die Deutschen, vielleicht wegen der gemeinsamen Sprache, unter den Einwohnern von Sappada-Plodn leicht Alliierte zu finden, was aber durch die Tatsachen widerlegt wurde. Am 2. Mai 1945 verließen die Deutschen Sappada-Plodn, wo am Abend ein Festgeläute einsetzte und am Sonntag darauf, am 6. Mai, das Kriegsende mit einem feierlichen Te-Deum begangen wurde.
In der Nachkriegszeit dehnte sich in Sappada-Plodn der Tourismus rasch aus, die Beherbergungsbetriebe vervielfachten sich und Berglifte für den Wintersport wurden gebaut. In der Zeit von den Sechziger- bis zu den Achtzigerjahren, mit einem Höhepunkt in den Siebzigerjahren, war in Sappada-Plodn die Umwandlung von der traditionellen zur touristischen Wirtschaft derart stark, dass eine Beeinträchtigung der Identität und des historischen Gutes der Lokalkultur drohte.
In jenen Jahren entstanden Bemühungen – in erster Linie die Errichtung des Volkskundemuseums auf Betreiben von Giuseppe Fontana –, die die Vergeudung von Schätzen aus dem Kulturgut von Sappada-Plodn bremsen sollten. Es ist auch diesem Einsatz zu verdanken, dass Sappada in den letzten Jahren eine neue Einstellung zu seiner Identität gewonnen hat und sich wieder des Reichtums seines Sprach- und Kulturguts bewusst geworden ist.

Plodn: Gesamtansicht der Ortschaft (Foto: DANIELI)