Eile ist geboten, damit ein wertvolles europäisches Kulturgut nicht untergeht. Nachdem 2001 die Europäische Union und der Europarat das Jahr der Sprachen ausgerufen hatten, wurde im selben Jahr das Einheitskomitee der historischen deutschen Sprachinseln gegründet, dem heute 17 Gemeinschaften angehören, und das von den nördlichen Provinzen und Regionen Italiens formell anerkannt wurde. „Rechtsquelle für die Errichtung des Komitees ist das Staatsgesetz 488/99. (…) Im Sinne des Gesetzes verfolgt das Komitee die Anwendung der staatlichen und internationalen Normen zum Schutze der staatlichen Minderheiten. Das Komitee ist auch Mitglied des CONFEMILI (Comitato Nazionale Federativo Minoranze Linguistiche d’Italia).“ Quelle: Sprachinselkarte
Die heutigen und die ehemaligen Sprachinseln ziehen sich vom Piemont und dem Aostatal im Westen über die Lombardei, das Trentino und Venetien bis hin in die Region Friaul-Julisch Venetien im Osten, deren Besiedlung zum Teil schon vor 1000 Jahren stattfand. Von den Sprachinseln erwähnt seien hier nur das Bersntol (Fersental)/Valle de Móchení im Trentino und Tischlbong (Tischlwang/Timau) in Friaul. Im Fersental ist die eine Seite bereits italienischsprachig, die andere jedoch verwendet umgangssprachlich den uralten bairischen Dialekt. In Tischlbong, wo ebenfalls noch das Urbairische zuhause ist, hat sich die heimische Mundart mindestens ein Dreivierteljahrtausend lang in ihrer ursprünglichen Form erhalten, begünstigt auch dadurch, daß sie keine Verbindung zum Hochdeutschen hatte und auch heute nicht hat. So ist davon auszugehen, daß im Mittelalter in dieser Variante auch in Bayern gesprochen wurde. Bairischen Ursprungs sind ebenfalls die weiteren der im Nordosten Italiens liegenden historischen Sprachinseln, wo hingegen die westlichen Walserdialekte alemannischen Ursprungs sind.
„Es wäre ein großer, unersetzlicher Verlust, sollten diese Dialekte erlöschen, nur noch archiviert erforscht werden können. Die einzelnen Mundarten in den deutschen Sprachinseln im anderssprachigen Umfeld sind ein europäisches Kulturgut und müssen weiter ergründet werden, aber nicht als tote, sondern als lebende Sprachen.“
Manfred Weinhold
Das Sprachinselkomitee ist wissenschaftlich tätig, nimmt kulturpolitische Aufgaben wahr und setzt sich insbesondere für das Fortleben der angestammten Mundarten ein. Es wäre ein großer, unersetzlicher Verlust, sollten diese Dialekte erlöschen, nur noch archiviert erforscht werden können. Die einzelnen Mundarten in den deutschen Sprachinseln im anderssprachigen Umfeld sind ein europäisches Kulturgut und müssen weiter ergründet werden, aber nicht als tote, sondern als lebende Sprachen. Das Sprachinselkomitee hat sich dieser Aufgabe gestellt, das 2021 sein zwanzigjähriges Bestehen begehen konnte und zu diesem Anlaß das Jubiläumsbuch „Die deutschen Sprachinseln im Aufblühen“ herausgegeben wurde. Allein die Titelseite mit dem hoffnungsvollen Edelweiß, Umschlaggestaltung Heike Arnold, animiert, sich mit den Sprachinseln erstmals zu befassen oder sein Wissen zu erweitern. Bereits das Vorwort weist auf eine interessante Lektüre hin. Das Buch ist gegliedert in einen deutsch- und einen italienischsprachigen Teil, die beide mit dem Märchen „Die Wichtelmänner“ der Brüder Grimm verbunden sind. Das Märchen ist in den einzelnen Sprachvarianten zu lesen, zusätzlich in den Hochsprachen Deutsch und Italienisch.
Das erste Drittel ist allgemein gehalten, erläutert unter „Die Mühsal des Aufstiegs“ was bereits für den Erhalt der verbliebenen Mundarten getan wurde, was getan wird und was noch getan werden muß und wie wichtig die Öffentlichkeitsarbeit für den Fortbestand dieses deutschen Sprach- und Kulturguts ist, denn im gesamten deutschen Sprachraum sind die deutschen Sprachinseln größtenteils unbekannt.
Auszug: „Für die einzelnen Gemeinschaften ist es gewiß anstrengend, unermüdlich für Erhalt und Fortbestand der Sprache einzutreten, selbst dann, wenn sie von der Sinnhaftigkeit und der Notwendigkeit eines solchen Bemühens überzeugt sind. Die Gemeinschaften werden leider immer noch von politischer und kultureller Interessenlosigkeit bedrängt. (…)
Überdies braucht es weiterhin den Beistand und die Fürsorge von Sprachwissenschaftlern und anderen Experten, damit die alten Sprachformen gebührende Erforschung und Aufwertung erfahren. Und die ‚Mühsal des Aufstiegs‘ wäre für die Minderheiten leichter zu bewältigen. So könnten sich die Sprachinselgemeinschaften noch weiter entfalten und schlußendlich noch kräftiger aufblühen.“
Unverzichtbar für die Öffentlichkeitsarbeit ist die Heimseite des Sprachinselkomitees, die auch in „Die deutschen Sprachinseln im Aufblühen“ erwähnt wird. Die Heimseite ist aufschlußreich, übersichtlich und äußerst lesens- und sehenswert gestaltet. Deshalb ist es angebracht, Heike Arnold, wohnhaft in Bayern, Lob und Anerkennung für ihre arbeitsaufwendig und mit Herzblut gestaltete Internetseite auszusprechen. Mit Frau Arnold hat das Sprachinselkomitee eine kostbare Perle im Kranz der Öffentlichkeitsarbeit gewonnen.
In der Einleitung des Buches wird der Begriff Sprachinsel näher erläutert, und es wird auf die einzelnen Mundartgruppen eingegangen. Das gesamte Buch wird optisch ergänzt mit einer geographischen Karte, auf der mühelos die Lage der einzelnen Sprachinseln ersichtlich ist.
Soweit der große Überblick, bis sich anschließend jede einzelne der 17 historischen Sprachinseln mit Wort und Bild auf jeweils vier Seiten mit fast gleichen Abschnitten – Geschichte, Sprache, Umwelt und Bauweise, Besonderheiten – vorstellt. Die Übereinstimmung ermöglicht es, in kurzer Zeit Vergleiche zwischen den einzelnen Sprachinseln zu ziehen. Vorteilhaft ist, daß keine alphabetische, sondern eine geographische Reihung erfolgt, wobei mit Hilfe der Sprachinselkarte eine Wanderung von West nach Ost vorgenommen werden kann. Aufgeteilt sind die Sprachinseln in drei Gruppen. Die erste betrifft die der Walser, sieben davon in Italien und eine, Bosco Gurin/Ggurin, im bis auf diese Sprachinsel italienischsprachigen schweizerischen Kanton Tessin. Die zweite Gruppe bilden das Bersntol und die vier zimbrischen Gemeinschaften. In der dritten Gruppe werden die vier Sprachinseln in Friaul abgehandelt.
Wissenswert wäre es, wie hoch die Anzahl der aktiven Mundartsprecher ist und wie hoch der Anteil derjenigen, die die Mundart nur noch passiv beherrschen, sie nicht sprechen können und wie sich dies auf die Altersgruppen auswirkt. Und weiter wäre es wert zu wissen, wie hoch der prozentuale Anteil der Mundartsprecher in den einzelnen Gemeinden ist.
„Die Sprachinseln im Aufblühen“ ist nicht nur eine Ergänzung zu „Lebendige Sprachinseln“, den Abhandlungen des Sekretärs des Sprachinselkomitees Luis Thomas Prader, der Internetseite, zum Standardwerk „Deutsche Sprachinseln in Oberitalien“ von Bernhard Wurzer und weiteren Publikationen, sondern wird auch „Neueinsteigern“ empfohlen, denen bisher die deutschen Sprachinseln in Italien unbekannt waren.
Manfred Weinhold, Hamburg