Sehr geschätzt, aber stark gefährdet

Plodarisch, Zahrar Sproche, Tischlbongarisch: Diese Mundarten gehören zur südbairischen Dialektgruppe und werden in den drei deutschen Sprachinseln Plodn (italienisch Sappada), Zahre (Sauris) und Tischlbong (Timau) im Nordosten Italiens gesprochen.

Alle drei liegen in den Bergen der autonomen Region Friaul-Julisch Venetien. Die Kulturvereinigungen der drei Sprachinseln gehören dem Einheitskomitee der historischen deutschen Sprachinseln in Italien an. Ihre Sprecherzahl geht zurück, wie in allen anderen Sprachinseln auch.

Die Zahl der Sprecher der Mundart geht zurück

Dem Grad ihrer Gefährdung geht Francesco Costantini in einem äußerst lesenswerten Aufsatz (in englischer Sprache) in der jüngsten Ausgabe des renommierten „Europäischen Journals für Minderheitenfragen“ (EJM) nach. Costantini ist außerordentlicher Professor in der Abteilung für Humanistische Studien und Kulturerbe an der Universität Udine.

Seine Schlussfolgerung: Alle drei Varietäten sind in ähnlichem Ausmaß stark gefährdet, weil die Weitergabe zwischen den Generationen nicht mehr funktioniert und die Mundarten nur noch wenig im täglichen Leben verwendet werden. „Um ihren Fortbestand zu sichern, sind dringend konzertierte Anstrengungen erforderlich“, schreibt Costantini in seinem Aufsatz in EJM.

„Um ihren Fortbestand zu sichern, sind dringend konzertierte Anstrengungen erforderlich.“

Francesco Costantini in EJM 3-4 2025

Alle drei Sprachinseln wurden von Gruppen deutscher Kolonisten gegründet, die sich zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert in der Region niederließen. Diese Kolonisten stammten aus Gebieten nördlich der heutigen Grenze: Aus dem Pustertal wie im Falle von Plodn, ebenfalls aus dem Pustertal und dem Lesachtal für Sauris und aus dem Gailtal im Falle von Tischlbong.

Die drei Sprachinseln befanden sich von Beginn an in einer mehrsprachigen Umgebung: Neben der lokalen germanischen Variante gab es die sie umgebenden romanischen Sprachen Venetisch und Friaulisch und das in offiziellen Kontexten verwendete Standarditalienisch.

„Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewann Italienisch auf Kosten der Minderheitensprachen an funktionalem Raum. Dies führte zu einem deutlichen Rückgang der Zahl der aktiven Sprecher der lokalen germanischen Varianten, insbesondere unter den jüngeren Generationen“, stellt Costantini fest.

Italienisch gewinnt an Raum

Im Falle von Plodn verweist der Linguist auf eine aktuelle Untersuchung, bei der nur 6 von 27 Befragten unter 35 Jahren angaben, über aktive Kenntnisse des Plodarischen zu verfügen, 8 gaben an, über teilweise Kenntnisse zu verfügen, und 13 hatten überhaupt keine Kenntnisse. „Diese Zahlen deuten auf eine Unterbrechung der natürlichen generationsübergreifenden Weitergabe der Sprache hin“, schreibt Costantini, und das lege eine Einstufung des Plodarischen als „stark gefährdet” (Stufe 2) nahe, da die Kinder die Sprache im Allgemeinen nicht mehr erwerben.

Knapp die Hälfte der rund 1300 Einwohner sind noch aktive Sprecher, mit einem starken Übergewicht bei den Älteren. In der Gemeinschaft genießt die Mundart aber nach wie vor eine hohe Wertschätzung.

Sechs Grade der Gefährdung

Die Sprachvitalität wird laut Costantini anhand einer sechsstufigen Skala definiert, die von „sicher” (5) über „gefährdet” (4), „definitiv gefährdet” (3) „stark gefährdet“ (2), „kritisch gefährdet“ (1) und bis zur letzten Stufe der Skala reicht, die mit „ausgestorben“ (0) bezeichnet wird.

In der Zahre gaben 60 Prozent der befragten Jugendlichen in einer Umfrage an, keine aktiven Kenntnisse der Mundart zu besitzen; die Hauptkommunikationssprache ihrer Eltern sei Italienisch. Auch die Zahrar Sproche müsse daher als „stark gefährdet“ eingestuft werden. Bei etwa 370 Einwohnern ist laut Costantini von nur etwa 150 fließenden Sprechern auszugehen.

Ein sehr bemerkenswerter Schritt ist aber ein Beschluss des Gemeinderats im Jahr 2016, wonach die Zahrar Sproche in allen schriftlichen und mündlichen Aktivitäten der Verwaltung als gleichwertig mit Italienisch angesehen wird. „Die Zahrar Sproche kann im Gemeinderat gesprochen und in allen Verwaltungsdokumenten verwendet werden“, hält Costantini fest. Auch in der Zahre haben die Mitglieder der Gemeinschaft eine positive Einstellung gegenüber der Zahrar Sproche und betrachten sie als einen wichtigen Teil ihrer Identität.

„Die generationsübergreifende Weitergabe des Tischlbongarischen hat insbesondere in den letzten Jahrzehnten einen deutlichen Rückgang erfahren“, schreibt Costantini zur dritten untersuchten Varietät. Mittlerweile seien nur mehr sehr wenige Kinder imstande, Tischlbongarisch fließend zu sprechen. Costantini stuft die Mundart daher ebenfalls als stark gefährdet ein, zumal nur noch die Hälfte der 350 Einwohner aktiv Tischlbongerisch spricht. Die Gemeinschaft bewertet die Kenntnis der Mundart aber positiv.

„Das Überleben von Plodarisch, Zahrar Sproche und Tischlbongarisch hängt von einer konzertierten Anstrengung ab, an der Institutionen, Schulen und vor allem Familien beteiligt sind, um den täglichen Gebrauch der Sprachen und ihre Integration in das heutige Leben aktiv zu unterstützen“, stellt Francesco Costantini abschließend fest.

EJM wird vom Südtiroler Volksgruppeninstitut (SVI) unter der wissenschaftlichen Leitung von Univ.-Prof. Paul Videsott herausgegeben.

Francesco Costantini, „Plodarisch, Zahrar Sproche, Tischlbongarisch: Assessing the Degree of Endangerment“, Europäisches Journal für Minderheitenfragen (EJM) 3-4 2025, S. 336 bis 360