Wie steht es um die deutschen Sprachinseln im oberen Lystal? Dieser Frage geht Elisabeth Piok in ihrem Aufsatz „Gressoney und Issime. Drei deutschsprachige Walsergemeinden in der italienischen Region Val d’Aosta/Vallée d’Aoste“ nach, der in der aktuellen Nummer 3-4 2025 im „Europäischen Journal für Minderheitenfragen (EJM)“ erschienen ist.
300 Einwohner zählt die Gemeinde Gressoney la Trinité („Oberteil“), 800 sind es in Gressoney St. Jean („Méttélteil“ und „Ònderteil“) und 370 sind es in Issime („Èischeme“); amtlich sind nur die französischen Namen. Walserdeutsch („Titsch“ bzw. „Töitschu“) spricht nur noch ein kleiner Teil der Bewohner; 100 sind es im Fall von Èischeme, konstatiert Piok. Das hat wirtschaftliche Gründe (so die starke Auswanderung im 18. und 19. Jahrhundert), wie die Autorin in der Studie ausführt, aber auch die Zuwanderung infolge des touristischen Aufschwungs Mitte des 20. Jahrhunderts.
Die Auswirkungen von Aus- und Zuwanderung
Die beiden Greschoneyer Gemeinden und Èischeme haben aus historischen und geografischen Gründen eine unterschiedliche Entwicklung genommen, auch sprachlich, aber „in beiden Fällen ist das ethnische Kräfteverhältnis empfindlich gestört“, konstatiert Piok.
Die gebürtige Brixnerin lebt seit vielen Jahren im Lystal und kennt die Situation unter anderem aus ihrer Tätigkeit im Sprachschalter der Gemeinde Gressoney la Trinité sehr genau. In ihrer Studie zeichnet sie die Abnahme der Walserdeutsch-Sprecher in den letzten 50 Jahren nach und stellt fest, dass unter den Volks- und Mittelschülern nur mehr ein verschwindend kleiner Teil die alte deutsche Mundart versteht oder gar spricht.
Viel unternommen wird offenbar nicht gegen diesen Rückgang. In der Schule wird Französisch in gleich vielen Stunden wie Italienisch unterrichtet, aber dem Deutschen wird nur eine Stunde (als Fremdsprache) gewidmet – sogar Englisch bekommt eine Stunde mehr.
„Das eigentlich prägende Ethnizitätsmerkmal, die deutsche Minderheitensprache, spielt nur eine untergeordnete Rolle.“
Elisabeth Piok in EJM 3-4 2025
Die drei Gemeinden hätten nie ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt und es gebe auch kaum Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Trägern der Kulturarbeit, konstatiert Piok. „Das eigentlich prägende Ethnizitätsmerkmal, die deutsche Minderheitensprache, (spielt) nur eine untergeordnete Rolle“, stellt die Autorin fest und spricht von einer „diffusen Ethnizität“.
„Dabei genießen Titsch- und Töitschu-Sprecher in beiden Dorfgemeinschaften einen hohen Stellenwert und es scheuen sich in Gressoney viele zuzugeben, dass sie den Dialekt nicht sprechen, während es in Issime etliche bedauern“, schreibt Piok.
Sie fordert Maßnahmen zum aktiven Spracherhalt; neben den Kindern müssten auch die zahlreichen Issimer und Gressoneyer mit passiven Sprachkenntnissen zur Zielgruppe der Erhaltungsmaßnahmen werden. Alle kulturellen Vereinigungen sollten „ihre Zielsetzungen auf Maßnahmen zum Schutz des Minderheitendialekts ausweiten und sich nicht nur auf das Zuschaustellen einer Trachtenkultur beschränken“, fordert Piok. Der Weg der Kulturvereine müsse weg von reiner Dokumentationsarbeit hin zu aktiven Maßnahmen zum Spracherhalt führen.
EJM wird vom Südtiroler Volksgruppeninstitut (SVI) unter der wissenschaftlichen Leitung von Univ.-Prof. Paul Videsott herausgegeben.
Elisabeth Piok, „Gressoney und Issime. Drei deutschsprachige Walsergemeinden in der italienischen Region Val d’Aosta/Vallée d’Aoste“, in: Europäisches Journal für Minderheitenfragen (EJM) 3-4 2025 S. 300 bis 335